Warum die Alternativen zu Lightroom für mich keine Alternative sind

Seit dem letzten größeren Lightroom-Update vor einigen Monaten hagelte es Kritik. Nachdem die erste Welle abgeflaut war, kam die nächste: jeder Fotograf und seine Tante machte sich auf die Suche nach der besten Lightroom-Alternative. Es ist also an der Zeit, sich mal wieder klar zu machen, warum Lightroom vielleicht doch ein tolles Programm ist.

Um es gleich vorweg zu nehmen: auch ich habe mich mit Alternativen zu Lightroom beschäftigt. Aber weniger aus Fundamentalopposition, sondern weil ich mich bisher nicht durchringen konnte, mein etwas altersmüdes 2012er Macbook Pro mit 8GB RAM durch neue Hardware zu ersetzen. Und weil seit dem letzten Performance-Update Lightroom auf modernen Rechner anscheinend wirklich besser läuft – leider auf Kosten der Unterstützung älterer Geräte.

Und noch ein Hinweis: Ich schreibe hier über die Classic CC Variante, da ich mit CC bzw. Mobile nicht arbeitete. Deshalb spielt die Synchronisation zwischen den verschiedenen Varianten für mich auch keine Rolle.

Also habe ich mir einige Programme angeschaut, die so landläufig als Alternativen für Lightroom gehandelt werden, insbesondere ON One Photo Raw, Affinity Photo und DXO Photo Lab. Insgesamt bin ich zu dem Schluss gekommen, dass sie vielleicht eine Alternative zu Photoshop sind, nicht aber zu Lightroom. Die eigentlichen Bildbearbeitungstools sind vergleichbar; manches ist hier oder da im Detail besser oder schlechter gelöst … so richtig hat mich das alles aber nicht überzeugt, von Lightroom zu wechseln.

Capture One/ Media Pro habe ich nicht näher angeschaut. Es sieht zwar so aus, als entspräche die Kombi dieser beiden Programme noch am ehesten dem Funktionsumfang von Lightroom, aber insgesamt 468 EUR plus Mehrwertsteuer hat es gleich aus der Wertung katapultiert. Man kann übrigens auch ein Abo abschließen: gegen 20 EUR pro Monat sind die viel kritisierten Lizenzgebühren von Adobe allerdings geradezu ein Schnäppchen.

Was ist das Besondere an Lightroom?

Aus meiner Sicht ist Lightroom die einzige Software, mit der sich ein vollständiger Fotografie-Workflow abbilden lässt. Von der Übertragung der Bilder aus der Kamera, über die Verschlagwortung, RAW-Entwicklung und kleine Retuschen bis zu Druck und Veröffentlichung. Ich will hier aber keine vollständige Übersicht über sämtliche Funktionen geben, sondern nur drei hervorheben, die ich für besonders wichtig halte.

Bildverwaltung

Seltsamerweise scheint die Bildverwaltung von Lightroom das am meisten missverstandene Konzept zu sein. Dabei ist es doch so einfach: die SD-Karte in den Rechner schieben oder die Kamera an den Rechner anschließen und in LR auf “Importieren” klicken. Den Rest macht die Software automatisch: die Bilder werden von der Karte in die richtigen Verzeichnisse kopiert, Metadaten wie z.B. der Name des Fotografen werden automatisch eingetragen usw.

Damit das alles automatisch funktioniert, muss man sich natürlich vorher ein System ausgedacht haben und ein paar Einstellungen in LR vorgenommen haben. Aber das muss man nur einmal machen und danach geht alles viel schneller als bei der manuellen Vorgehensweise.

Importmodul
Importmodul

Ja, es gibt andere Software, die das auch kann und vielleicht sogar besser als LR. Aber die können alle keine Bilder bearbeiten. Serif, der Hersteller von Affinity Photo, hat Anfang 2018 ein Bildverwaltungsmodul angekündigt – mehr als einen Tweet hat die Welt davon aber noch nicht gesehen. Auch Skylum, der Hersteller von Luminar will ein Digital Asset Management System integrieren – auch hier gibt es bisher nur einen Marketing-Text auf der amerikanischen Webseite.

Zerstörungsfreie Bildbearbeitung

Sind die Bilder erst einmal in Lightroom, kann man nichts mehr falsch machen, denn jeder Bearbeitungsschritt lässt sich rückgängig machen. Und zwar, ohne dass man dafür an irgendwas wie Bearbeitungsebenen denken muss. Lightroom verändert die eigentliche Bilddatei nicht, sondern speichert sämtliche Bearbeitungen in einer separaten Datei, der sogenannten Sidecar- oder XMP-Datei. Alternativ kann man die Bearbeitungsinformationen auch in der Bilddatei selbst speichern; am Grundprinzip ändert das nichts.

Wenn man ein Bild in LR öffnet, wird einerseits die Bilddatei aufgerufen, andererseits die XMP-Datei. Die XMP-Datei bestimmt, wie das Bild in LR dargestellt wird: soundso viel heller, dunkler, kontrastreicher, farbiger, beschnitten usw. Theoretisch könnte man sogar ein Bild bearbeiten, ohne LR zu öffnen, indem man die XMP-Datei manipuliert.

Die Bilddatei selbst wird also nicht verändert – was dazu führt, dass die LR-Bearbeitungen in einem anderen Programm nicht unmittelbar sichtbar sind. Will man ein in LR bearbeitetes Bild in einer anderen Software weiter bearbeiten, muss man es exportieren. Damit wird eine neue Datei erstellt, die alle Veränderungen enthält und von anderen Programmen bearbeitet werden kann.

Das klingt umständlicher als es ist und die Vorteile sind enorm, was mich zu meinem letzten Punkt bringt.

Speicherplatz sparen

Zerstörungsfrei kann man mit vielen Bildbearbeitungen arbeiten, aber nur zum Preis von riesgengroßen Dateien. Zum Vergleich habe ich mal eine RAW-Datei aus meiner Oly in LR geöffnet und umfangreich bearbeitet. Dieselbe Datei habe ich in Photoshop geöffnet, mit einer Einstellungsebene ein bisschen Kontrast angeglichen und als .psd gespeichert. Das gleiche habe ich mit Affinity Photo gemacht. Meine Originaldatei im im Olympus .ORF-Format wollte ich natürlich immer behalten, sozusagen als digitales Negativ.

Speicherplatz im Vergleich
Lightroom: 14,7 MB (.ORF) + 11 KB (.XMP)
Photoshop: 14,7 MB (.ORF) + 173,5 MB (.PSD)
Affinity Photo: 14,7 MB (.ORF) + 278,9 MB (.afphoto)

DXO verfolgt eine ähnliche Strategie wie Lightroom mit seinen Sidecar-Dateien; aber da meine Testlizenz abgelaufen ist, kann ich hier leider keine Vergleichszahlen mehr liefern.

Beispielfoto
Das Beispielfoto

Ja, das ist ein bisschen milchmädchenmäßig gerechnet, weil LR automatisch einen Cache anlegt, in dem die Dateien gespeichert werden, die LR für die Anzeige der Bilder benötigt. Aber im Vergleich verbraucht auch der Cache relativ wenig Speicher – und vor allem räumt er sich selbst auf und man muss sich nicht darum kümmern, alten Kram zu löschen.

Was ich sonst noch an Lightroom mag

  • Automatischer Import als Alternative für alle, deren Kameras von dem aktuellen Tethering nicht unterstützt werden.
  • Veröffentlichungsdienste
  • Erweiterbarkeit durch Plugins
  • Übergabe an andere Applikationen und automatischer Reimport

Fazit

Auch ich hätte gerne eine schnelle, modern programmierte Software mit großem Funktionsumfang von einem sympathischen unabhängigen Software-Hersteller, bei dem ich davon ausgehen kann, dass er auch in ein paar Jahren noch existiert. Das scheint es zurzeit aber nicht zu geben. Hoffen wir also, dass die Konkurrenz dafür sorgt, dass Bewegung in den Markt kommt.

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